*:::::::.......Geschmacksbefreite Frisuren und schultergepolsterte Jacketts zu billigen Rhythmen und infantilen Holperreimen- so sieht Berliner Retro-Chic oft aus. Ich halte für gewöhnlich Augen und Ohren zu, doch wer hinter dem Titel "Berlinette" von Ellen Alien nichts anderes vermutet, irrt. Überaus schönes Abstrakttechno-Album der DJane und Gründerin des BPitch Control-Labels, Rat: "Push" und "Open" auf den Rechner laden- sofort. :)     

*:::::::.......Nach "The teaches of peaches" kam nun, wiederum auf Kitty-Yo, Mitte September Peaches' "Fatherfucker", das neue Album der 36-jährigen Diva raus, sie arbeitet zusammen mit Iggy Pop, Basement Jaxx. "Ich will als einzelne Frau ein ganzes Kiss-Konzert geben", proklamiert sie, und ich glaub´ ihr das einfach mal.

*:::::::.......Unbedingt anhören: "Sheath" von LFO, "Out from out where" von Amon Tobin.







*::::::........"100th Window", neue Platte von Massive Attack, ist nach "Blue Lines", "Protection" und "Mezzanine", um die wichtigsten zu nennen zum ersten Mal kein richtiger Fortschritt. Nun, wir können recht froh sein, das die Bristoler nach internem Rechtstreit und Auflösungsgerüchten überhaupt noch musizieren und "nicht soo neu" heißt noch lange nicht "schlecht", aber trotzdem... 


Erdmöbel- Altes Gasthaus Love on http://www.erdmoebel.de

"Ein andermal wär´sie gern wie die Proletin da.. wird gleich Poetin, denkt: So eine ist doch wohl mehr Schiff als Frau.. ihre Gracht ist diese feste weiße Thrombosestrumpfhose.. darin auf Zentnern dummer Suppe fährt das kleine stolze Boot.. hätte Sehnsucht Gewicht, wie viel Zentner wöge ich?" Man kann nicht umhin, hauptsächlich die Texte in den Vordergrund zu stellen, wenn man "Erdmöbel" beschreiben will- was hier krude und abgehoben klingt ist der textlich feingewobene Extrakt musikalisch umgesetzter, wirrer Alltagsgedanken, so poetisch und verdreht, wie Melancholie ist- eine Band, die lehrt, wie leichtfüßig Schwermut sein kann. "Der Film" der Hauptinitiatoren von Erdmöbel, Markus Berges und Ekki Maas, "beginnt mit Abspann und Vorhang", "das Licht geht an", eine geht "in den Schuhen von Audrey Hepburn", "der blaue Himmel über uns". Wir lernen, dass "die Devise der Sterne" sei, dass man "nicht sagen dürfe, man wolle gute Erinnerungen haben". Umgesetzt in sampleunterstütztem, kontrabasslastig-beatshuffligem Barjazz wählen die Eigelsteiner für Konzerte häufig Alternativörtlichkeiten wie Wohnzimmer oder das Dach der VHS Köln und produzieren nicht zuletzt damit eine persönliche und freundliche Atmosphäre- Grund genug zu sagen, dass es sich hierbei um Lieblingsmusik handelt.

     
The White Stripes- Elephant on http://www.whitestripes.com/

Schrammeln goes Future. Um eine einzige akzeptable Begründung dafür zu finden, dass die Musikindustrie schwachsinnigerweise meint, mehrere, sehr unterschiedliche Bands über einen Kamm scheren zu können muss man absolut blauäugig sein und daran glauben, dass sie noch eine Seele hat. Vielleicht wollen sie ja doch die Musikkultur retten und einen kleinen Teil zumindest geringstfügig belesener Musikfans wieder mit Struktur und Sinn erfüllen, ohne dabei Floskeln wie "hört wieder Klassiker" bemühen zu müssen? Nun, wollen wir nicht zu optimistisch sein, doch angesprochener Slogan lautet: "Alle Bands, die mit "the" anfangen sind cool" und der Effekt ist total super, denn die Leute vergreifen sich doch arg selten bei "The Mamas and the Papas" und "Therapy", sondern hören auf einmal "The Hives", "The Strokes" und vor allem: "The White Stripes". Und schon geschieht es, wie ein Wunder ergreift wahrer Klang, der da benannt ist: "I Want To Be The Boy To Warm Your Mother´s Heart", "Ball And Biscuit", oder "In The Cold, Cold Night" den ausgelutschten Hörer, erinnern an the Who´s "Tommy", Jimi Hendrix und Janis Joplin- endlich wieder Bluesschema, Leben in Worten ("I Just Don´t Know What To Do With Myself") und feiner Rock. Was für eine Wohltat.   

 

Moloko- Statues on http://www.moloko.co.uk

1994; Dublin. Auf einer Party treffen sich Roisin Murphy und Mark Brydon und finden, sie könnten zusammenpassen und außerdem Musik machen, erste Platte soll heißen wie die ersten zwischen den beiden gewechselten Worte: "Do you like my tight sweater?". So offensiv wie die Frage das Album: Warped Funk, Aliens, kruder Humor, bisschen Gebimmel: Eine Frau, ein Mann, ein Computer. Die Öffentlichkeit hält sich ob der Neuigkeit ein wenig bedeckt, komisch, dieses Zeug. 1998 kapiert auch die Ibiza-Gemeinde, was die beiden wollen, denn auf "I´m not a doctor" (was auch immer die beiden DA getrieben haben) it "Sing it back" drauf, wie auf mehr als 100 (!) Compilations. "Things to make and do" folgt 2000, Robin und Mark wollen raus, sich auf Festivals austoben, organischere Musik. Dafür Platin in UK. Heute sind die beiden kein Paar mehr, unkomplizierter produziert es sich nach einer Trennung, ich mutmaße, durch die Ausweitung des Teams. Eddie Stevens stößt also zu Moloko, er übernimmt das Comanagement, schreibt die Lyrics mit und schleppt ein Riesenorchester mit Streichern an. Was die Texte, die immer noch hauptsächlich von Roisin geschrieben werden, angeht, so meint sie, sie hätte wohl erst 28 werden müssen, um sich gut genug zu kennen, um keine äußerlichen Themen mehr aufgreifen zu müssen und über sich selbst schreiben zu können, ohne dabei kitschig zu werden. Wenn die Blonde sich offenbart, klingt das also kombinierbar mit dubbishem Diskosound, aha. Mit der Frau würd ich gern mal ein Bier trinken gehen. 

Queens of the Stone Age- Songs for the Deaf on http://www.qotsa.com

Die dritte Platte der Queens of the Stone Age ist wie eine gute Radiosendung: Sie richtet sich gezielt an eine bereits existierende Hörerschaft und beschallt linientreu eine bestimmte Sorte von Ohr, bietet aber auch Abwechslung und kann neue Hörer begeistern: Bereits mit der Musik Vertraute  müssen sich nicht gewöhnen, der Stil von "Rated R" bleibt in den Grundfesten erhalten (s."the sky is fallin" im 3/4-Takt)- jedoch  wiederfährt dem geneigten Musikfreund oder neuen Zuhörer bei jedem Einlegen soviel Neues (zum Beispiel der versteckte kleine 5/8-Takt), das er einfach abhängig werden und wieder- und wiederkommen muss. QOTSA nutzen den Radiolink sogar expressis verbis, denn: KLON-Radio schafft den Rahmen für die dritte Platte, praktisch werden die Songs an- und abmoderiert. Die DJ´s: Joshua Homme und Nick Oliveri, Studiogast: unter anderem Dave Grohl an den Drums, bekannter als Ex-Nirvana-Drummer und Foo Fighter- Sänger. Wieder nur ein Steinwurf entfernt, wurde das erste Video, "No one knows" in London von Michael Gondry abgedreht, der auch schon für Beck, Daft Punk und eben für die Foo Fighters arbeiten durfte. Die Welt ist klein, eine Platte absolut gelungen- da kann man nur sagen: "Go with the flow". :)

 

Beck- Odelay on http://www.beck.com

Ode. Erhabene, meist reimlos lyrische Dichtung in kunstvollen Stil antiker Versmaße. Eine Odelay gibt es nicht, aber es gibt meine Dizzy-Ode an ein schmächtiges Kerlchen namens Beck Hansen aus Los Angeles. Gerade mal dreißig, das neunte Album, „Sea Change“, gerade draußen, jedes anders, neuerdings sehr folkig, immer neue Gastmusiker, immer neue Images: Sonic Ceasar, Shoegazing Slacker, Cacaphonic Enigma... Hansen los Popgeschichte-Samples probiert alles und mischt mit den Besten, die er kriegen kann was ihm gerade ein- und gefällt: Hip-Hop, Lo-Fi, Blues, Soul, Funk- was hätten´s denn gern? Odelay als mein kleiner Einstieg in den Gedanken, daß das reifste Résumé moderner Musik eigentlich genau so gestaltet sein muß: Klänge von der primitivsten Drossel-Imitation von 4000 v.Chr. bis zum Dadaisten und Modem-Gebimmel-Mann von heute.

 

Mother Tongue- Streetlight on http://www.mothertongue.net

Keine beständige Kiste: Die hochkarätige Kombo, gemanaged vom Beastie Boys Produzenten Mario Caldato hat bisher  zwei Platten gemacht; die "mother tongue" von 1994 und die neue...schuld mag ein Bruch in 96 sein, der "krankheitsbedingt" war, was auch immer das bedeuten mag. Jedenfalls haben wir am 03.09.02 in Aachen ein großartiges Konzert erlebt. Zwar von Anfang an ziemlich fett, fings jedoch  erst so richtig an, als David Gould, Frontman, meinte, andere Bands würden zur Zugabe jetzt verschwinden, um dann wiederzukommen und so fort...und diesen shit könne man sich ja mal sparen- sie würden jetzt einfach spielen, bis der Arzt käme. Gesagt, getan: "Let´s get drunk, 3:30 is my favourite time to fuck"- und eine Flasche Jim Beam in der linken und ne Rotweinpulle rechts werden zunächst angenippt und dann über den Hut gekippt. Während Gitarrist Christian Leibfried geschultert durch das 100-Mann Auditorium getragen wird, wird die Stimmung immer familiärer: Irgendsoein Gitarrist, zufällig da oder? wird einfach auf die Bühne geholt  und die Leute machen ab dem Moment keinen Mucks mehr, in dem Gould für eine Ballade um Ruhe bittet. Das einzige, das noch gefehlt hätte an diesem ziemlich persönlichen und runden Konzert wäre gewesen, zu sagen: Gut, wir gehen nun mal alle aus dem "Musikbunker", unbelüfteter Veranstaltungsraum, raus, rauchen zusammen eine..und dann machen wir weiter, ok?  

 

Mogwai- Rock Action on http://www.rockactionrecords.co.uk/

1995 gründen Stuart Braithwaite und Dominic Aitchinson in Glasgow ihr Label "Rock Action", nach dem die neue Platte benannt ist, und produzieren, später mit Unterstützung von MartIn Bulloch und John Cummings, stetig unter Verwendung zweiter Gitarren, Drums und Bass. Sie bennenen das Label einfach nach ihrem oberstem Ziel "Rock und Rock´n´Roll, nur genreübergreifender gefaßt". 1996 erscheint die erste Platte, die zweite entsteht sogar unter Mitwirkung mittlerweiler Größen wie Mercury Rev, die ich 99 mal mit qwert in Köln gesehen habe. Mit neuem Label, Southpaw, entsteht "Rcok Action". Die Band sagt, es sei "like a big warm  cuddle"- und das stimmt. 8 Songs, insgesamt nur an die vierzig Minuten lang, von ungemein ausgefüllter Wärme und mit viel Gespür für gute Variation, sind entstanden, es klingen Banjo, Trompete und Violine mit und man weiß nicht genau, wo man gelandet ist...manchmal kommt man auf die Grasshoppers, mal hat man das Gefühl, die Doors klängen mit oder der Industrial gäbe einen Schuß mit hinein, jedenfalls kann man die Stücke wie ein großes hören und sich wahnsinnig wohlfühlen dabei. Da kann man nur sagen: Schnappt Euch jemanden, den ihr liebhabt, tut die Rock Action rein und seht Euch in die Augen oder setzt Euch mit ner Kippe und nem leckeren Getränk auf die Fensterbank und denkt mal kurz irgendwas an. Werdet sehen: Beflügelt!

 

Mouse on Mars- Ideology on http://www.mouseonmars.com/

Geräusche ohne Grenzen. Für den Kölner Jan Werner und den Düsseldorfer Andi Thoma gibt es kein Baukastensystem für guten Sound, keine " Drum, Break, Bass und Gesangsnorm". Wirr und wild präsentiert sich, sehr geil designed und mit Zusatzaufkleber, eine vertrackte und verspielte, herrlich unperfekte und unregelmäßge Platte, kompliziert und dennoch gut für einen Ohrwurm. Manchmal scheint streicheruntersetzt Jimi Tenor, allerdings die sympathisch bescheidene Version, mitzuklingen, dann kommt ein beat mit Pianospur (?!?) daher, schließlich vermutet man, die zwei hätten zu viele Videospiele gezockt und dabei Aphex Twin gehört. Jedenfalls haben wir hier Sapß, und was schon seit 1992 im Untergrund rumrumort tritt heute politisch und elekronisch  korrekt mit "Vorgruppe" Christoph Schlingensief und weltweiter Aufmerksamkeit auf. 

 

Gemma Hayes- Night on my side on http://www.pixelsurgeon.com/pages/interview/music/gemmahayes/gemma.html

Gemma Hayes sei die irische Anwort auf Kylie Minogue", schreibt so ein Supertyp...und stimmt sich damit formvollendet auf die kußmundgespickten  Debili-Songs der Australierin  ab. Während Kylie sagt: "Sie könne ihren Hintern auch alleine auf die Bühne schicken", hat sich Gemma mit ihrem Label, Source Recors, mal kräftig inne Haare bekommen, weil die ein Foto im  Mini wollten (sacht die Spex). Naja, son bißchen affig ist das schon, betont alternative blabla, aber trotzdem: Der Rolling Stone findet, die Gute hätte was von PJ Harvey,  das hört sich schonmal anders an. Ich hör die CD seit drei Wochen und bin ziemlich überzeugt davon, daß die Frau meine Sommer-Entdeckung dieses Jahr ist. Beste Songs: "Back of my Hand" und "Let a good Thing go".

 

The Notwist- Neon Golden on  http://www.notwist.com/flash/main.html

 Beim Konzert am 27.04.02 in der Live Music Hall setzen auf Kommando des Bassisten alle aus, verdattert bleibt der Elektriker, Martin Gretschmann, der gerade nichts zu tun hat und neben dem Bass rockt, stehen, schaut etwas perplex durch seine viel zu große Jarvis-Cocker-Brille nach links und rechts, sprintet recht erschrocken zum ibook und begninnt ein ganz hervorragendes intermezzo zu "off the rails" mit Nautilus, Sirene und allem drum und dran. Inszenierung oder kleine Überraschung? Egal, entweder nette Unterhaltung oder ein weiteres  Zeichen dafür, daß Notwist noch richtig zusammenspielen können. Unglaublich: 5% des Abends bestanden aus dem Grundgerüst der Stücke, die auf dem Album SEHR SCHLICHT klingen... der Rest war Spiel. Beim ersten Anhören dacht ich mal angewidert: LAAANGWEILIG. Mittlerweile gehört die Platte zu meinen Liebsten. Man sacht mir ja immer nach, ich würd nur mögen, was "klingelt und bimmelt", hier aber is mir was dazwischen gekommen. Beim zweiten Mal, eben.